In Focus: Raphaela Vogel

Raphaela Vogel im Fokus

Das erste Mal begegnete ich Raphaela Vogels Arbeiten 2014. Beim alljährlichen Rundgang an der Städelschule präsentierte Vogel ihre Videoskulptur Prokon (2014): ein in den Raum hängender Heugreifer, dessen Greifzähne einen Beamer halten, der wiederum ein Video auf die Wand projiziert, in dem Vogel mit einer Drohne in einer Art Duell­situation in ihrem Studio zu sehen ist. Der hochgepitchte Sound der Drohne – irgendwo zwischen dem lauten Summen eines Insektenschwarms und Robotergeräuschen – unterstreicht das dramatisch-psychologisch aufgeladene Setting zusätzlich. In diesem Video, in dem Vogel in einem Moment des Gefühlsausbruchs und der Panik eine Art Katharsis durchlebt, zeichnete sich bereits damals ein gewisser innerer Druck ab, ein Drang nach Ausbruch aus, persönlicher Auseinandersetzung mit und schließlich Aneignung von im weitesten Sinne insti­tutionalisierten Räumen (im Kunsthochschulkontext nicht gerade verwunderlich). 2015, nur ein Jahr später, tauchte Prokon (allerdings in einer deutlich aufgeräumteren Version) dann in Vogels erster institutioneller Einzelausstellung im Bonner Kunstverein auf. Der Titel der Ausstellung: „Raphaela und der große Kunstverein“. 

Wie man Räume zum Zweck der Befragung und Aneignung definiert, ist immer wieder Dreh- und Angelpunkt der gleichermaßen postapokalyptisch wie archaisch anmutenden Arbeiten Vogels. In ihren ­Installationen werden Drohnen zu Akteuren, Ziegenleder wird zum Bildträger (Untitled, 2013–15) und Beamer verwandeln sich in anthropomorphe Gestalten. Immer ist Vogel selbst die Protagonistin ihrer Videos – und befeuert damit nicht zuletzt den Subjekt-Objekt-Konflikt: Dank der eingesetzten Drohnen kreiert sie polyperspektivische ­Szenen, in denen sie sich – mit Umweg über die von ihr ferngesteuerte Technik – sowohl als Betrachter wie auch als Gegenstand ihrer Betrachtung präsentiert. 

Raphaela Vogel, Raphaela und der große Kunstverein (installation view), 2015, Bonner Kunstverein. 

Raphaela Vogel, Raphaela und der große Kunstverein (installation view)2015, Bonner Kunstverein

Permanent wird über das Hin und Her zwischen Kontrolle und Kontrollverlust Spannung aufgebaut. So wird in dem Video Mogst mi du ned, mog i di (2014), benannt nach einer Songzeile des Alpenrockstars Hubert von Goisern, bereits im Titel eine erhebliche Konfliktsituation angedeutet („Magst du mich nicht, mag ich dich“). Der (nicht minder sexistische) Song klingt im Video wie eine Kampfansage an die Prota­gonistin, die sich vor der Kulisse eines alpinen Bergsees und anschließend vor einem Marmorsteinbruch in Carrara mit ihrer Kameradrohne filmt. Der Einsatz der Drohne führt hier zu einer besonders engen Verschränkung der Blickperspektiven: Zunächst wird der Drohnenblick über den Song mit einem aufdringlichen männlichen Blick überschrieben; dann wäre da aber noch die weibliche Protagonistin, die den Zuschauer überhaupt erst einmal durch diese „männ­lichen Augen“ (auf sich selbst) gucken lässt.

Nach einer linearen Narration sucht man bei Vogel, die 2015 den Columbus-­Förderpreis erhielt und damit diesen Sommer die Motorenhalle – Projektraum für ­zeitgenössische Kunst Dresden bespielen wird, vergeblich. Vielmehr wird Erzählung über technische Kniffe, beispielsweise die hektische Montage der Videos, als Form immer wieder aufgebrochen und reflektiert. Bedeutung stellt sich eher über Assoziation her, Video und Raum werden über Materi­alien und übergreifend angelegte Kulissen, die sich vom Video in den Raum hinein fortsetzen, miteinander verknüpft. Umgekehrt befinden sich im Projektionsfeld häufig Gegenstände, deren Schatten sich auf der Leinwand abzeichnen. 

Für ihre jüngste Ausstellung „Ich gebe Euch eine Verfassung“ Anfang 2016 eignete sich Vogel die kompletten Galerieräumlichkeiten von BQ an und nahm diese mehr oder weniger auseinander: Sie bespielte die gesamte Galerie, inklusive deren Archiv und Büro. In jedem der vier Räume war jeweils eine Videoinstallation zu sehen. Die zentrale Arbeit der Ausstellung erstreckte sich über den abgedunkelten Hauptraum, der mit einer verzerrten Version des Songs Prophecy (2004) der Metal-Band Soulfly beschallt wurde (ebenfalls titelgebend für die gesamte Installation: Prophecy, 2016), welcher eine überzogen pathetische Klangkulisse schuf. Beamer und Lautsprecher hingen an einem Dixi-Urinal, einer Art „Sockel“, von dem aus die beiden Projektionen auf Plastikvorhänge geworfen wurden, die an Elementen einer Bühnenkonstruktion aus Stahl angebracht waren. In dem Video sieht man Vogel (ähnlich wie die Protagonisten im Soulfly-Musikclip) inmitten einer Sand­landschaft, ein weißes Tuch in den Wind ­haltend, während die Drohne zum Sturzflug ansetzt. 

Raphaela Vogel, Prophecy, 2016. Photograph: Simon Vogel, Cologne. 
 

Raphaela Vogel, Prophecy, 2016. Photograph: Simon Vogel, Cologne

 

Die epische Hightech-Kulisse von Prophecy konterkariert Vogel im nächsten Raum, der ein wenig wie ein intimer, ­mystischer Ort wirkt. Im Zentrum steht eine Meerjungfrauenskulptur. Ihr Körper besteht aus einer Wasserpfeife, aus der vier Schläuche herausragen (She Shah, 2016). An den Wänden hängen abstrakt bemalte Tierhäute, die vorne zu Trichtern zusammengeführt sind. Die reliktartigen Objekte (u. a. Raphaela, 2015) werden zu Quasi-Betrachtern einer Ritualszene, in der Vogel im Grunde genderpolitisch eindeutig besetzte Orte – „Männertreffpunkte“ wie ein Pissoir oder Shisha-Cafés – auseinandernimmt. 

Das Lavieren zwischen dem Drang nach Expansion einerseits und der Sehnsucht nach Isolation als Urzustand andererseits birgt Konflikte, derer sich Vogel mal kämpferisch erhaben, mal bewusst zaghaft annimmt. Schließlich wird die Anstrengung, sich in diesen Räumen zu verorten, nicht zuletzt in den überspannten Szenen, in der sie die Qual der Enge zu überwinden versucht, deutlich. Die leibliche Bezogenheit auf den Raum macht das ganze Vorhaben, sich Platz zu schaffen, zu einem körperlichen Akt – ein Kampf, wenn man so will, in dem die Künstlerin immer wieder auch gegen sich selbst antritt. 

Issue 24

First published in Issue 24

Summer 2016

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