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Der Modedesigner Hussein Chalayan spricht über seine neue Rolle als Professor an der Wiener Angewandten

Hussein Chalayan Frühling / Sommer 2015 Kollektion. Courtesy: Hussein Chalayan

Hussein Chalayan Frühling / Sommer 2015 Kollektion. Courtesy: Hussein Chalayan

JAN KEDVES Sie werden im Oktober als Professor für Mode an der Universität für angewandte Kunst – der Angewandten – in Wien anfangen. Haben Sie Erfahrung in der Lehre?

HUSSEIN CHALAYAN Nicht regelmäßig. Aber ich halte viele Vorträge, und vor einigen Jahren habe ich ein großes Projekt an Central Saint Martins geleitet, meiner alten Schule in London. Ich denke also nicht, dass mir das Unterrichten schwerfallen wird. Es sei denn, ich habe richtig schlechte Studenten.

JK Die Modeklasse der Angewandten ist weltweit renommiert, Karl Lagerfeld, Helmut Lang, Jil Sander und Vivienne Westwood haben dort unterrichtet, um nur einige zu nennen. Trotz dieser beeindruckenden Liste haben nur wenige Abgänger der Klasse erfolgreich ein eigenes Label gegründet – eine Ausnahme ist Petar Petrov, der bei Viktor & Rolf und bei Raf Simons studiert hat.

HC Petar wer? Ich habe noch nie von ihm gehört.

JK Ist es heute zu schwer geworden, ein eigenes Modelabel zu starten? Die 1990er Jahre waren offenbar das letzte Jahrzehnt, in dem junge Labels Chancen hatten, sich längerfristig zu etablieren. Raf Simons, Alexander McQueen und Ihre eigene Marke wurden alle Mitte der 90er gegründet.

HC Stimmt, als wir angefangen haben, gab es noch Platz für neue Designer. Als ich meinen Abschluss an Saint Martins machte, hatte ich eigentlich gar nicht vor, eine eigene Kollektion zu verkaufen, das ergab sich irgendwie. Ein Auftrag führte zum nächsten, und plötzlich hingen meine Sachen in Japan. In London ist aber kaum noch jemand aus dieser Generation übrig. In den 90ern gab es dort Pearce Fionda, Sonja Nuttall, Copperwheat Blundell, Sonnentag Mulligan. Clements Ribeiro sind die einzigen, die noch eine eigene Kollektion entwerfen, eine Menge andere aus dieser Zeit nicht mehr. Es ist schwer zu überleben.

Hussein Chalayan, Frühjahr/Sommer-Kollektion 2015. Courtesy: Hussein Chalayan

Hussein Chalayan, Frühjahr/Sommer-Kollektion 2015. Courtesy: Hussein Chalayan

JK Würden Sie ihren Studenten in Wien also davon abraten, ein eigenes Label zu gründen?

HC Die Vorstellung, dass man eine eigene Marke haben muss, um als Designer erfolgreich zu sein, finde ich altmodisch. Nicht jeder ist dafür gemacht. Mode ist ein kostspieliges Geschäft, man muss viele Opfer bringen und oft eine geringe Lebensqualität in Kauf nehmen. Viele gründen ein Label, sind dem aber nicht gewachsen und hören dann wieder auf. Warum sollte man als Designer nicht hinter den Kulissen arbeiten und dort dafür sorgen, dass die Dinge rund laufen? Wenn man als kreativer Mensch in einer Firma arbeitet, in der man sich wert­geschätzt fühlt, dann finde ich das genauso gut, wie eine eigene Marke zu haben. Man mag seinen Job und muss sich keine Sorgen machen, wie man seine Leute bezahlt!

JK Dass Sie die Professur in Wien bekommen haben, liegt sicher auch daran, dass Sie als Designer die Brücke zwischen Avantgarde und Markt schlagen. Ihr eigenes Label führen Sie mit einem stark konzeptuellen Ansatz, gleichzeitig waren Sie von 2008–13 Kreativdirektor bei Puma. Was können Studenten an Ihrem Beispiel lernen?

HC Mein Beispiel zeigt, dass man keine Kompromisse eingehen muss, um seinen Platz in der Industrie zu finden. Man kann ein experimenteller Designer und zugleich kommerziell erfolgreich sein. Mein größtes Ziel in meiner neuen Funktion in Wien ist es, die Studierenden schon während ihres Studiums in Kontakt zur Industrie zu bringen. Studierende wollen heute einen Fuß in der Tür haben, während sie ihren Abschluss machen, sie wollen danach nicht vor einer großen Leere stehen. Ich will meinen Schülern auch helfen, nicht alle gleich auszusehen. In vielen Modeschulen ähneln die Entwürfe der Studenten viel zu sehr denen der Lehrer. Das finde ich schlimm. Es gibt so unglaublich viele Designer heute – wer auf lange Sicht Fuß fassen will in der Branche, muss hart daran arbeiten, seine eigene Identität zu entwickeln.

JK Sie hatten 2010 eine Einzel­ausstellung in der Lisson Gallery in London, und auf der Biennale von Venedig haben sie 2005 die Türkei vertreten. In einem Interview mit dem Wall Street Journal haben Sie kürzlich über die Herausforderungen gesprochen, ein unabhängiges Label am Laufen zu halten; Sie haben gesagt: „Es ist meine Entscheidung weiterzumachen. Am einfachsten wäre es, Künstler zu werden.“

HC Ja, ich hatte schon immer nebenher eine künstlerische Karriere. Mein Unternehmen konnte ich häufig dadurch querfinanzieren, dass ich Arbeiten als limitierte Editionen an Sammler verkauft habe. Ich hätte damit einfach weitermachen können, fand aber, dass es reizvoller ist, Kollektionen zu entwerfen – weil die Leute meine Kleider dann mit anderen Kleidern kombinieren. Ich denke, das führt zu interessanteren Ergebnissen, als wenn ich nur Kunst mache.

JK Glauben Sie wirklich, Künstler zu sein sei einfacher als Mode­de­signer zu sein?

HC Ich spreche hier nur für mich. Natürlich ist Künstler zu sein nicht per se einfach. Für mich wäre es aber die einfachere Wahl. Zum Beispiel bewegt man sich als Künstler nicht zwangsläufig in einem industriellen Kontext. Man muss nicht Monat für Monat Gehälter zahlen. Wenn man etwa Filme dreht, kann man von zu Hause arbeiten, und erst wenn es einen Auftrag gibt, mietet man ein Studio und engagiert Schauspieler. Das ist projektbezogen. Wenn man ein Modeunternehmen führt und acht Kollektionen im Jahr herausbringt, wie ich es tue, sind die laufenden Kosten permanent hoch.

Hussein Chalayan, backstage während seiner Herbst/Winter 2014 show. Courtesy: Kevin Tachman / Trunk Archive

Hussein Chalayan, backstage während seiner Herbst/Winter 2014 show. Courtesy: Kevin Tachman / Trunk Archive

JK In letzter Zeit gab es viele Anbandelungsversuche zwischen Mode und Kunst. 2013 hat sich Karl Lagerfeld für die Präsentation der Frühjahr/Sommer-Kollektion von Chanel ein komplettes Museum für moderne Kunst als Kulisse aus­gedacht. Kürzlich hat Raf Simons mit Sterling Ruby zusammen­gearbeitet, und die Jeans-Marke Acne hat Gemälde von Hilma af Klint auf Pullis gedruckt. Was halten Sie von solchen Aktionen?

HC Warum sollte es solche Überschneidungen nicht geben? Solange etwas Gutes dabei herauskommt … Was mich betrifft: Ich habe seit den frühen Nullerjahren eine enge Beziehung zur Kunstwelt. Damals gab es kaum Designer mit solchen Kontakten. Und es war auch nicht so, dass ich mit Künstlern zusammen­gearbeitet oder ihre Werke auf meine Kleider gedruckt hätte. Es war genau umgekehrt: Ich machte meine Sachen, und sie wurden dann Teil des Kunstdiskurses. Deshalb würde ich mich auch nicht als Teil des aktuellen Trends sehen.

JK Gehen Sie an künstlerische Aufträge anders heran als an Kollektionen?

HC Überhaupt nicht. Wenn ich eine Kollektion entwerfe und in ihr steckt etwas, das ich in eine Installation verwandeln kann, dann mache ich es – wenn es einen Auftrag gibt und ich finde, dass es sich lohnt. In der Mode und der Kunst geht es um Ideen, und Ideen können sich in alle möglichen Medien ausbreiten. Das finde ich spannend. Früher gab es viel mehr Überschneidungen zwischen verschiedenen Disziplinen. Bauhaus oder Fluxus – bei diesen Kunstbewegungen ging es um Interaktionen zwischen den Kunstformen. Das passiert heute zu wenig.

JK Eine Universität wie die Angewandte mit ihren verschiedenen Fachbereichen könnte ein idealer Ort für solchen Austausch sein?

HC Auf jeden Fall! Ich habe dem Rektor schon gesagt, dass ich mich darauf freue, meinen Studenten Zugang zu anderen Fachbereichen zu verschaffen. Für mich war Mode schon immer Teil eines breiteren Kontexts, nicht nur eine in sich geschlossene Sache. Die Studenten könnten sich natürlich auch dagegen wehren, vielleicht werden einige von ihnen sagen: „Ich mache nur Mode, Mode, Mode – lass mich mit Architektur in Ruhe!“ Wer weiß?

Bubble dress aus der Hussein Chalayan’s Frühjahr/Sommer- Kollektion 2007. Courtesy: Chris Moore / Catwalking

Bubble dress aus der Hussein Chalayan’s Frühjahr/Sommer- Kollektion 2007. Courtesy: Chris Moore / Catwalking

JK Möglicherweise sind einige Studenten der Angewandten als Teenager durch Lady Gaga auf Mode gekommen. Legendär ist das Bühnenoutfit, das sie 2009 bei ihrer ersten Tour trug: ein Kleid aus transparenten Plastikblasen. Werden Sie Ihren Studenten sagen: Das hat Lady Gaga aus meiner Frühjahr/Sommer-Kollektion 2007 geklaut?

HC Ach Gott … Stimmt, das Original-Blasenkleid stammt von mir, und Lady Gagas Version sah meiner verdammt ähnlich. Vielleicht hat sie das Outfit von ihren Stylisten bekommen, vielleicht wusste sie gar nicht, woher es stammt. Aber mal ehrlich – wen kümmert das?

Hussein Chalayan ist ein britisch-türkisch-zypriotischer Modedesigner. Er wurde zwei Mal mit dem British Designer of the Year Award aus­gezeichnet (1999 und 2000). Zurzeit entwirft er Kollektionen für das wieder­belebte französische Couture-Haus Vionnet und relauncht für die Saison Frühjahr/Sommer 2015 seine eigene Herrenlinie. Er lebt in London.

Jan Kedves ist Schriftsteller, Redakteur und Autor des Buches Talking Fashion: Von Helmut Lang bis Raf Simons: Gespräche über Mode (Prestel, 2013). Er lebt in Berlin.

Ausgabe 16

First published in Ausgabe 16

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