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Leben in der Blase?

Seit Jahren wird über den Hype um Berlin als Magnet für Künstler aus aller Welt gesprochen. Aber wie setzen sie sich konkret – als Bewohner, Bürger, Staatsbürger – zur Stadt in Beziehung? Eine von Jennifer Allen und Jörg Heiser moderierte Gesprächsrunde mit Maja Bajevic, Carson Chan, Annika Eriksson und Olaf Nicolai

Studenten der Chulalongkorn University, (Bangkok) während  des sechswöchigen Design Studios „Die Kunst des Konsums“, 2010

Studenten der Chulalongkorn University, (Bangkok) während des sechswöchigen Design Studios „Die Kunst des Konsums“, 2010

Maja Bajevic ist Künstlerin und lebt in Berlin und Paris. Sie hat an der documenta 12, der 50. Biennale von Venedig, der 7. Istanbul Biennale sowie der Manifesta 3 teilgenommen und unter anderem im MoMA PS1 in New York und im Centre Pompidou, Paris ausgestellt. Momentan bereitet Bajevic eine Einzelausstellung für den Kristallpalast der Reina Sofía in Madrid vor.

Carson Chan ist Architekturkritiker und Kurator. Er ist Mitbegründer von PROGRAM (Berlin), Contributing Editor des Magazins 032c und wurde zum Co-Kurator der Arts in Marrakech Biennale 2012 berufen.

Annika Eriksson ist Künstlerin und lebt in Berlin. 2010 stellte sie unter anderem in der Hayward Gallery in London, der Temporären Kunsthalle Berlin und der daadgalerie in Berlin aus. Momentan arbeitet sie an einer Einzelausstellung im Künstlerhaus Stuttgart.

Olaf Nicolai ist Künstler und lebt in Berlin. Er hat unter anderem an der documenta X, der Sydney Biennale 2002 sowie der 51. Venedig Biennale teilgenommen. Seine Arbeiten wurden u.a. im Moderna Museet, Stockholm, dem Museum of Modern Art, New York sowie der Kestnergesellschaft Hannover ausgestellt. Seine Audio-Installation mit Performances „Escalier du Chant“ ist bis Ende des Jahres in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen.

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frieze d/e Wir haben uns entschieden, Englisch zu sprechen. Ist es wichtig, Deutsch zu lernen? Ist Englisch unsere Blase?

Annika Eriksson Klar ist es gut, einfache Deutsch­kenntnisse zu besitzen, um Zugang zu Informationen zu haben und mit Menschen kommunizieren zu können, die kein Englisch sprechen. Ich schäme mich sogar, weil mein Deutsch nicht so gut ist, wie es nach so vielen Jahren in Berlin sein sollte. Den Small Talk im Alltag kriege ich hin – die Gespräche mit Taxifahrern und Menschen im Geschäft –, aber wenn ich darüber hinaus kommunizieren will, bin ich ziemlich hilflos. Wenn ich die Sprache spräche, wäre ich stärker integriert, und gerade das will ich. Aus irgendwelchen Gründen schiebe ich es vor mir her, Deutsch zu lernen. Wahrscheinlich, weil die Leute in der Kunstszene meist Englisch sprechen.

Carson Chan Ich werde ständig gefragt, warum ich kein Deutsch spreche. Die Frage ist nicht „Sprichst du Deutsch?“, sondern „Warum sprichst du kein Deutsch?“ Ich habe mich zwischendurch auch geschämt, aber inzwischen ärgert mich die Frage. Natürlich täte ich nichts lieber, als die ganze Zeit mit meinen Freunden Deutsch zu sprechen. Ich habe nichts dagegen, die Sprache zu lernen, aber ich bin hier nicht aufgewachsen.
Ich bin mit Englisch und Chinesisch aufgewachsen. Deshalb spreche ich kein Deutsch. Es ist nicht so, dass ich es nicht lernen will oder dass ich mich dagegen wehre.

Maja Bajevic Ich spreche Deutsch, weil ich in München aufgewachsen bin. Ich habe mich entschieden, in Berlin zu bleiben, weil mein Partner auch Deutsch spricht. Es ist die einzige Sprache, die wir beide sprechen.

Olaf Nicolai Englisch zu lernen war für mich extrem wichtig. Es bedeutet nicht nur, wie Annika sagt, Zugang zu Informationen und zu Wissen zu haben, sondern auch sich sozial anders zu verhalten. Eine Sprache zu können, heißt teilhaben können. Ich würde nicht sagen, dass jeder, der zum Beispiel hier in Berlin lebt, Deutsch lernen muss. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber eine Sprache zu beherrschen, ermöglicht immer einen Zugang zu etwas, was du ohne sie nicht haben kannst.

CC Fremdsprachen zu sprechen, ist ein Privileg, aber wenn man sie täglich vier Stunden lang lernen muss, wann soll man dann noch arbeiten? Berufsanfänger haben vielleicht nicht den Luxus,
so viel Zeit zu haben. Was den Zugang zur Kultur angeht, so sehen die Künstler in der Kunstszene ja, dass sie Kultur schaffen. Sie haben also bereits teil an ihr, ob sie nun Deutsch sprechen oder nicht.

FR Viele Künstler kommen nicht in den Genuss, sich frei entscheiden zu können. In Deutschland gibt es zum Beispiel Pflicht-Sprachkurse für viele Nicht-EU-Bürger. Ein brasilianischer Künstler spricht vielleicht irgendwann besser Deutsch als ein Italiener, der sich unter Umständen weiter auf Englisch verlässt.

MB Die Tatsache, dass wir alle Englisch sprechen, hängt mit einer gewissen Politik und den Machtstrukturen in einer Welt zusammen, in der Englisch die imperialistische Sprache ist, so wie es vorher Französisch, Spanisch oder Deutsch waren. Ich finde es gar nicht so schlecht, andere Sprachen zu schützen, indem man von Menschen verlangt, diese zu sprechen.

CC Aber Englisch ist nicht per se imperialistisch, es ist nur eine weitverbreitete Art zu kommunizieren, die zufällig Englisch ist.

MB Es ist ein sehr imperialistischer Gedanke zu glauben, dass Englisch sich wie selbstverständlich einstellt.

ON Dass Englisch heute weltweit eine Lingua franca ist, liegt wohl auch am imaginären gemeinsamen Sprachraum des Internets, in dem es aber sehr wohl auch um Macht und Herrschaft geht. Früher zum Beispiel waren Spanisch in Südamerika oder Französisch in vielen Teilen Afrikas und Asiens die imperialen Sprachen der Invasoren, der Kolonialmächte. Insofern hat dieser universelle Gebrauch des Englischen auch etwas „Selbst-Kolonisatorisches”. Es ist ja eine schöne, fast ironische Wendung, dass das Internet als eine ursprünglich exklusive Technik des Militärs heute als „open source”, als eine Art öffentliche Infrastuktur für jedermann eingefordert werden kann.

MB Ich würde sagen, dass der Zweite Weltkrieg etwas mit dem Siegeszug des Englischen zu tun hat. In kleineren Ländern stellt man das Lernen von Fremdsprachen nicht infrage. Wenn man mit dem Rest der Welt kommunizieren will, muss man eine, zwei oder gar drei lernen. Für größere Länder wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder Amerika ist das nicht nötig, weil man so viel Kultur in seiner eigenen Sprache hat.

AE Manchmal sträuben sich die Menschen hier dagegen, Englisch zu sprechen, und ich frage mich, ob dahinter nicht auch ein Stück Verlegenheit steckt. Wenn die Medien auf Deutsch sind und Filme synchronisiert werden, wird das Englischlernen zuallererst zu einer Frage von Bildung und Schicht. Es ist irgendwie schon ziemlich heikel, jemanden zu bitten, mit dir Englisch zu sprechen. In einem Land wie Schweden, wo wir von amerikanischen Sitcoms und britischen Serien umgeben sind, wäre es sehr schwer, kein Englisch mitzubekommen. Vielleicht sprechen die Menschen daher so gerne Englisch, manchmal mit starken amerikanischen Akzenten oder mit den britischen Akzenten aus dem Film Gosford Park (2001). Doch die Bereitschaft beziehungsweise der Widerwille, Englisch zu sprechen, ist auch eine Generationenfrage und zum Teil eine historische Frage. Wenn man mit jemandem der älteren Generation spricht, der in Ostdeutschland aufgewachsen ist, ist das ganz anders, als wenn man mit einer jüngeren Person hier in Berlin spricht.

Annika Eriksson, Wir sind wieder da, 2010, Standbild

Annika Eriksson, Wir sind wieder da, 2010, Standbild

FR Viele Deutsche, Österreicher und Schweizer sprechen genauso gerne Englisch wie die Schweden. Manche scheinen sogar lieber Englisch als ihre Muttersprache zu sprechen.

ON Das hat auch mit Sehnsüchten, Fantasien, vor allem mit Popmusik zu tun! Englisch hast du gelernt, weil du die Texte von Bryan Ferry und Frank Zappa verstehen wolltest, weil du Allen Ginsbergs „Howl“ (1955) lesen wolltest, weil es für dich die Sprache von Woodstock, Warhol oder den Sex Pistols war. Etwas, was für dich physisch nicht zugänglich war, sondern nur durch Sprache. Selbst wenn man auf Reisen in den anderen Staaten des Ostblocks war, hat man sich auf Englisch verständigt. Es gab die Idee eines Kosmopolitismus, in dem Politik und Genuss sich verbinden und nicht zwischen „High“ und „Low“ unterschieden wird. „Jeans – das ist kein Kleidungsstück – das ist eine Lebenseinstellung”– so hieß es in einem Kultroman der DDR, Ulrich Plenzdorfs D_ie neuen Leiden des jungen W._ (1972). Jeans – da hätte auch stehen können: Englisch sprechen.

CC Warum unterrichtet man an Schulen nicht Türkisch als Zweitsprache? In Deutschland gibt es viele türkische Einwohner, aber es herrscht ein gewisser Nationalismus, der sich auf die Sprache gründet. Die Deutschen wollen kein Türkisch lernen, weil sie meinen, sie verlören damit einen Teil ihres Deutschseins.

MB Manchmal habe ich das Gefühl, man behandelt mich in Berlin besser, wenn ich Englisch spreche. Wenn ich Deutsch mit Akzent spreche, bin ich ein Einwanderer. Wenn ich Englisch spreche, bin ich ein „Expat“ – ich gehöre zu einer Gesellschaft, die ungefährlich ist, die sich nicht integrieren oder irgendwem seinen Job wegnehmen will. Wenn ich aber sage, ich komme aus dem ehemaligen Jugoslawien – hoppla! Es ist komisch, wie Sprache und Status zusammenhängen. Englisch hat den Status, „gut, progressiv und international“ zu sein – insbesondere in einer Stadt wie Berlin, die als Marke mit der internationalen zeitgenössischen Kunstszene wirbt.

FR Egal, welche Sprachen man spricht: Kunstwerke existieren nicht in einer Sprach-Blase, sondern bewegen sich von einer Ausstellung in einer Stadt zur nächsten… Wie manifestiert sich dieser ständig wechselnde Kontext – zwischen Städten, Sprachen, Nationalitäten – in euren Arbeiten?

CC PROGRAM organisiert Architektur-Workshops in Berlin und außerhalb Deutschlands. Als Thema lässt sich Berlin leicht an Ausländer verkaufen, weil es eine bewegte Geschichte und sichtbare Narben hat, die wir in diesen Workshop-Gruppen analysieren. Die Stadt ist ideal für diese pädagogischen Projekte, in denen wir gemeinsam etwas anschauen. Wenn Studenten aus Thailand, den USA oder Kanada ein Projekt in Berlin machen, finden sie Lösungen, auf die deutsche Studenten nicht kommen würden. Deutschen gegenüber können wir nicht einfach sagen: „Sehen wir uns mal die Stadt an und schauen, was man machen kann.“ Es gibt so viele andere Fragen zu geschichtlichen und kulturellen Bezügen, die ein Projekt auf eine Art problematisieren, dass jegliche Arbeit unmöglich ist. Als PROGRAM mit der Technischen Universität Berlin zusammengearbeitet hat, war uns klar, dass es keinen Sinn machen würde, ein Berlin-Projekt mit deutschen Studenten zu machen. Deshalb haben wir gesagt, „Sehen wir uns stattdessen Island an“, weil es für sie leichter war, das Problem abstrakt anzugehen.

ON Diese Verschiebung der Perspektive findet man ja auch beim Übersetzen. Der Wechsel der Sprache schafft Distanz und transformiert. Für mich war das zum Beispiel eine Möglichkeit, mich wieder mit der Region, in der ich aufgewachsen bin, zu beschäftigen – und mit dieser spezifischen Form von DDR-Modernismus, in Karl-Marx-Stadt, Dresden oder Leipzig. Dazu hat es aber mehr als zehn Jahre Abstand gebraucht. Zuerst hatte ich fast Ängste, dass genau meine Biografie, mein Wissen über die DDR, es eben vollkommen unmöglich machen, sich damit zu beschäftigen. Also habe ich versucht, mich wie ein Alien zu dieser Erfahrung zu verhalten und als notwendige Illusion eine ethnologische Perspektive gewählt. Daraus entstand 2007 die Ausstellung „Korallengärten und ihre Magie” im Leonhardi-Museum in Dresden – ein Titel, den Bronis?aw Malinowski seinen Feldstudien im Südpazifik gab. Auch bei meinem derzeitigen Projekt „Escalier du Chant” (Treppe des Gesangs, 2011) in der Pinakothek der Moderne in München nutze ich diese Technik der Distanzierung und Perspektivverschiebung. Ich habe 12 zeitgenössische Komponisten eingeladen, a capella-Lieder zu für sie aktuellen, politischen Ereignissen zu schreiben. Wichtig war für mich, dass es Komponisten mit sehr verschiedenen musikalischen und kulturellen Hintergründen sind.

MB Ich versuche genauso, in meinen Arbeiten viel Musik zu verwenden. Ich bin ganz deiner Meinung, Olaf: Musik kommuniziert auf einer anderen Ebene. In der Ton-Installation Avanti Popolo (2002) verwende ich zum Beispiel patriotische Lieder der Linken und der Rechten, die a capella gesungen werden. Auf der einen Seite sollen sie uns das Gefühl geben, Teil von etwas zu sein. Wenn man sie allein hört, sind die Melodien sehr verführerisch, aber wenn man mehrere zugleich spielt, gibt es ein einziges Chaos. Auf der anderen Seite sind die meisten Texte dieser Lieder grauenhaft: Es geht immer um „wir“ gegen „die anderen“. Meine jüngste Arbeit, To be Continued (Fortsetzung folgt, 2011), die ich momentan für den Crystal Palace im Reina Sofía Museum vorbereite, steht in gewissem Bezug zu Avanti Popolo – nur dass ich diesmal mit Slogans aus Politik und Wirtschaft arbeite.

Maja Bajevic, Avanti Popolo, 2002

Maja Bajevic, Avanti Popolo, 2002

AE Meine Arbeiten haben sich verändert, seit ich 2002 von Stockholm nach Berlin gezogen bin. Meine Praxis reagiert auf den Ort, an dem ich lebe – das ist mir klar geworden, seitdem ich hier wohne. Ich bin in Schweden zu Hochzeiten der sozialdemokratischen Ära aufgewachsen und das hat sich natürlich auf mich, meine politischen Überzeugungen und auch meine Arbeit ausgewirkt. Wenn ich auf die Arbeiten zurückblicke, die ich in den 1990er Jahren gemacht habe, dann hängen sie enger mit jener Periode in Schweden zusammen, als mir damals bewusst war. Momentan befinde ich mich irgendwo dazwischen – und das ist, denke ich, eine gute Situation. Aber ich habe ganz schön lange gebraucht, um eine Arbeit machen zu können, bei der diese komplizierte Stadt der Ausgangspunkt ist. Letztes Jahr habe ich den Film Wir sind wieder da (2010) gemacht, in dem es um eine Gruppe von Menschen geht, die für diese Stadt seit Jahrzehnten von Bedeutung ist: Punks. Sie sehen immer noch genauso aus wie bei meinem ersten Besuch in Berlin in den 1980er Jahren, fast wie ein Geheimbund uniformierter Menschen mit Hunden. Sie haben ihre eigene Gemeinschaft und behaupten, ihre Passivität sei ein politisches Statement – indem sie nicht dazugehören, indem sie nur das Nötigste konsumieren. Und das ist irgendwie provokant. In einer anderen Gesellschaft könnten sie vielleicht nicht Punks sein. Sie sitzen vor der S-Bahn-Station auf dem Alexanderplatz, und die Touristen fotografieren sie. Sie sehen heutzutage so fehl am Platze aus, fast wie Aliens. Und wahrscheinlich verschwinden sie langsam und ziehen immer weiter aus der Stadt heraus.

FR Vielleicht gibt es verschiedene Arten, dazuzugehören oder nicht dazuzugehören, Bürger oder Nicht-Bürger zu sein?

ON Für viele meiner Freunde stellt sich heute die Frage, was es heißt, in Berlin zu leben und ein Bürger dieser Stadt zu sein. Wie kannst du an ihr teilnehmen? Und wie kannst du sie beeinflussen? Bietet dir denn die community hier überhaupt die Möglichkeit, zu partizipieren? Kannst du das? Willst du das überhaupt? Es ist also nicht schlicht eine Frage, ob du Deutsch sprichst oder nicht. Ist man daran interessiert, dass du da bist und etwas tust? Was bietet man dir an, außer, Steuern zu zahlen? Darfst du wählen? All das wird da diskutiert. Man kann schon von einer „Bubble“ sprechen – und doch leben hier viele sehr konkret und nicht in einem Konstrukt. Aber da ist noch dieses andere Problem: Das meiste Geld, das hier in der Kunstwelt ausgegeben wird, wird nicht hier verdient.

MB Würde man sich entscheiden, in andere Städte – wie New York, London oder Paris – zu ziehen, so hieße das, dass man wahrscheinlich unter schlechteren Bedingungen als in seinem Heimatland leben müsste. Das eigene Leben würde also schwieriger werden. Zu Anfang würde man auf engerem Raum leben, man wäre mit der Stadt konfrontiert und müsste sich ihr anpassen, mit ihr wachsen, während in Berlin das Gegenteil der Fall ist. Man hat mehr Platz und ist wirtschaftlich besser­gestellt. Ich frage mich noch immer, wie das die Art und Weise beeinflusst, wie Künstler in und mit Berlin leben. Außerdem kamen viele Künstler nach Berlin, die beruflich bereits etabliert waren, als ausgebildete Künstler und Menschen. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie die Erfahrung machen, mit der Stadt zusammenzuwachsen.

AE Natürlich ist es in gewisser Weise auch erstrebenswert, nicht dazuzugehören. Viele kommen nur für kurze Zeit nach Berlin – sie machen eine Art kulturelle Pilgerreise. So gesehen steht das Herkommen in keinem Zusammenhang mit Deutschland als Land, sondern es hängt nur damit zusammen, dass Berlin das richtige Umfeld, die richtigen Bedingungen bietet, damit dieses Gefühl von Gemeinschaft bestehen kann.

CC Ich glaube, es gibt eine Ebene der Teilhabe – Olaf, du hast das Wählen erwähnt – die den meisten jüngeren Künstlern, die gleich nach dem Abschluss nach Berlin kommen, völlig fremd ist. Wenn die hier lebenden Künstler sich nicht richtig integrieren, dann liegt das daran, dass das nie ihr ursprüngliches Ziel war. Anders als Immigranten, die an einem anderen Ort ein neues Leben beginnen wollen, kommen diese Menschen hierher, um von ihrer gegenseitigen Präsenz und dieser einzigartigen wirtschaftlichen Situation, die Maja beschrieben hat, zu profitieren. Deutschland ist kein Land, in dem man willkommen ist. Ich fühle mich in Berlin eher intellektuell als emotional einbezogen. Selbst meine deutschen Freunde intellektualisieren irgendwie ihre Beziehung zur Stadt. Meine Theorie ist die, dass ein großer Teil der jüngeren deutschen Vergangenheit selbst für die Deutschen emotional nicht zugänglich ist.

ON „Emotional nicht zugänglich“ – ich mag diese Beschreibung. Für die Figur des Künstlers ist das Politische ja ambivalent. Künstler sein, das hieß doch auch einmal: Nicht Bürger sein! Und damit meine ich nicht Bürgerschreck. Ich meine, der Identifizierung zu entgehen. Und ebenso gibt es einen Prozess der Entpolitisierung, der die gesamte Gesellschaft betrifft. Der Staat zieht sich aus vielen Dingen zurück, das gesamte politische Feld verändert sich. Will man partizipieren, sieht man sich einer enormen Bürokratie gegenüber, was eine Beteiligung stark erschwert. Wenn man in eine Stadt zieht, wird man auf der einen Seite Bestandteil all dessen, ob man will oder nicht. Auf der anderen Seite sollte man als Künstler flexibel zirkulieren können, wie ein freier Signifkant. Wie der doppelt freie Lohnarbeiter, als der der Proletarier im 19. Jahrhundert beschrieben wurde – ohne festen Wohnsitz und frei, dorthin zu gehen, wo „Arbeit” ist. Nur, dass für den Proletarier diese Situation durch traumatisierenden Zwang hergestellt wurde. Für einen Künstler heute ist dies eher ein Vorteil, er kann scheinbar frei entscheiden, wo er sein möchte, so lange er es sich leisten kann. Die Traumatisierungen sind andere. Man wird zum Gast, der zu einer Gemeinschaft hinzukommt – von der man abhängig ist, die aber bereits in einer bestimmten Weise formatiert ist. Und wenn man nicht passt, wird man zum Alien…

Olaf Nicolai, Dresden 68, 2000

Olaf Nicolai, Dresden 68, 2000

AE Als ich Anfang der 1990er Jahre als Künstlerin zu arbeiten begann, stellte niemand im Ausland aus, man reiste überhaupt nicht so wie heute. Die erste internationale Ausstellung, die ich sah, war die documenta 7 1982, und die teilnehmenden Künstler kamen aus Westeuropa und Nordamerika. Heute befinden wir uns also in einer völlig anderen Situation als vor 20 Jahren. Die Kunstwelt hat eine rasante Internationalisierung erfahren. Das heutige Berlin ist ein Produkt dieses ständigen Reisens und dieser Gruppe von Menschen, die permanent auf Achse sind.

ON Das Modell des Künstlers hat sich verändert. Wir gehören nicht mehr zu einer Art Intelligentsia, wir sind Bestandteil der Kulturindustrie. Das Bild einer Künstler-Bohème ist für das Citymarketing und den Tourismus in Berlin genauso wichtig wie Hotels, Restaurants und Infrastruktur. Das Problem ist nur, dass dieser Typus faktisch verschwindet und fast simuliert werden muss. Denn wenn man sich den Kunstmarkt anschaut, dann wird dort gerade die „Mittelschicht” abgeschafft: Hochpreissegment hier und viel Rohstoff dort. Entweder bist du etabliert oder du musst kämpfen.

MB Interessant. Die Mittelschicht der Kunstwelt verschwindet wie die Mittelschicht im Allgemeinen.

ON In Berlin scheint der soziale Fahrstuhl noch zu funktionieren; man kann also reingehen und hochfahren und dieses oder jenes wagen – alles ist möglich. In anderen Städten ist diese Mobilität viel eingeschränkter.

MB Berlin will offener als Paris sein. So offen, dass ein Einwanderer aus der zweiten oder dritten Generation oder ein „Expat“ anfängt, nach den scheinbar fehlenden Bezügen zu suchen. Vielleicht hängt diese Desorientierung mit der Tatsache zusammen, dass es kein „Begrüßungspaket“ für Ausländer gibt. Es gibt keine Orientierung, weil die deutsche Vergangenheit noch immer so fragil ist, insbesondere in Berlin. Deshalb weiß man am Ende noch nicht einmal, wozu man gehören würde, wenn man dazugehören möchte.

CC Das ist ein bemerkenswertes Statement.

ON Zuhause ist ein Begriff, der nicht mehr zu den Orten passt, an denen man lebt.

CC Der Gedanke, sich auf der Grundlage eines Ortes ein Zuhause zu schaffen, ist für mich kein Thema. Mein Zuhause ist einfach da, wo ich gerade arbeite. Das hat mit dem Internet zu tun: mit der Möglichkeit, mit Menschen zu kommunizieren und zu arbeiten, mit dem in Verbindung zu bleiben, was sie gerade tun. So fühlt man sich irgendwie nie nicht zu Hause. Vielleicht kann man die Kunstblase am besten verstehen, wenn man Parallelen zum Internet zieht. Berlin ist eine Stadt mit wechselnden Einwohnern, einem ständigen Zustrom an Menschen und Ideen.

FR Die Gemeinschaft basiert also auf einer Verbindung und keinem physischen Ort.

CC So gesehen wird sie sich nicht weiterentwickeln. Wir werden in einer Blase bleiben. Manche werden bleiben, andere werden fortgehen, manche werden noch nicht einmal herkommen. Vielleicht stellen sie etwas auf die Beine, vielleicht auch nicht. Das ist die Freiheit. Aber es ist auch eine neue Art, Gemeinschaften zu begreifen.

Übersetzt von Claudia Kotte

Jennifer Allen arbeitet als Autorin und Kritikerin in Berlin.

Ausgabe 1

First published in Ausgabe 1

Sommer 2011
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