Marburg! The Early Bird!

Marburger Kunstverein

Ydessa Hendeles, Church & State (The Puss in Boots Project), 2008, Detail

Wie all ihre Kuratorentätigkeiten war auch die jüngste Ausstellung von Ydessa Hendeles äußerst autobiographisch und vielschichtig. Die Stadt Marburg selbst, in der Hendeles 1948 geboren wurde, bildete dabei eine erste Schicht. Hendeles’ Eltern, die Auschwitz überlebt hatten, wohnten zeitweilig in der Universitätsstadt, bevor die Familie schließlich nach Kanada übersiedelte, wo Hendeles bis heute lebt. „Marburg! The Early Bird!“ basiert auf der Geschichte ihrer Familie, einer Erzählung, die unter dem Eindruck des Holocaust steht. Und doch ging es in der Ausstellung nicht um Trauma, sondern um Erbe, wie Hendeles im begleitenden Kurzführer betonte. Genauer gesagt: Es ging nicht um das Erbe materieller Güter, sondern vielmehr um Erinnerungen und Erfahrungen, die zur Schaffung einer persönlichen Identität beitragen. Marburg war also nur der Anfang einer Entdeckungsreise, die sich von hier ausgehend scheinbar bis ins Unendliche fortsetzte.

„Marburg! The Early Bird!“ wirkte weniger wie eine lineare Erzählung über Hendeles’ Geburtsort als viemehr wie eine Verkettung von Kindergeschichten, die über die zwei Stockwerke des Kunstvereins lose miteinander zusammen hingen. In Hendeles’ „kuratorischen Kompositionen“ – als solche bezeichnet sie ihre Ausstellungen – mischt sich gewöhnlich zeitgenössische Kunst mit historischen Artefakten in inszenierten Assemblagen, die trotz ihrer vielfältigen Inhalte wie aus einem Guss erscheinen. Die hier präsentierte Komposition begann im Foyer des Erdgeschosses mit einer Erstausgabe von Randolph Caldecotts Bilderbuch aus dem Jahr 1878, The House That Jack Built (Das Haus, das Jack baute), das auf einen englischen Kinderreim zurückgeht. Nicht weit davon war das silberne Tafelservice eines Kindes zu sehen, um 1905 von Tiffany & Co. in London hergestellt und verziert mit Szenen aus Caldecotts Buch. Ausgestellt war ebenso eine kleine Karte aus Zeichenkarton –
Concordia (The Seventh of April 2009) (Concordia, 7. April 2009, 2008) – die Hendeles produzierte, als sie 2009 eine Auszeichnung der Concordia University in Montreal entgegennahm. Die Karte, die die Besucher bei der Zeremonie erhielten, gibt eine kurze Meldung aus der New York Times vom 11. November 1886 wieder, in der es – genau wie im Kinderlied – um eine Kuh mit einem „schrumpeligen Horn“ geht. Diese Karte ist ein Schlüssel zum Verständnis von Hendeles’ einzigartiger Art, Geschichten zu erzählen, und jenem besonderen Augenmerk, das sie auf den Kontext legt. Denn sie spricht letztlich von kulturellem Erbe, von mündlicher Geschichte, Vertreibung und dem gedruckten Wort; ordnet man diese Elemente in einer bestimmten Reihenfolge an, könnten sie ebenso eine surreale Geschichte erzählen, die im nächsten Raum mit John Masseys The House That Jack Built (1981-92) weitergeführt wurde, einer traumartigen Serie von 23 Fotografien, die erneut besagten Kinderreim inszenieren.

Im Mittelpunkt anderer Assemblagen standen das französische Märchen Le Chat Botté (Der gestiefelte Kater) sowie das Sprichwort „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, das Anlass zum Titel der Ausstellung gab. Jedem Werk kam dabei eine ganz bestimmte Rolle in einem dichten Netz an Verweisen zu. Dem Publikum wurde allerdings einiges abverlangt: Denn für diejenigen, die mit Hendeles’ Stil, ganz zu schweigen mit ihrer Lebensgeschichte nicht vertraut waren, war diese Ausstellung eher schwer zugänglich. Doch auch wenn sie eine Herausforderung darstellte, so verwies sie zugleich auf das enorme Potenzial des Ausstellungsmachens, darauf, wie hier Geschichte persönlich, kollektiv und kulturell erfahrbar gemacht werden kann.
Übersetzt von Claudia Kotte

Jens Hoffmann is a writer, curator, and Director of Special Exhibitions and Public Programs, Jewish Museum, New York, USA

Ausgabe 1

First published in Ausgabe 1

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