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Die alte Handleserin

Bei der folgenden Geschichte handelt es sich um eine erfolglose Einreichung zu einer  akademischen Konferenz über die Geschichte und Praxis der Kritik

Illustration by Georgia Grey
Berlin

Es war einmal eine alte Handleserin in einer Stadt in Thüringen. Die Bevölkerung dieses Städtchens war allmählich der Verzweiflung anheim gefallen. Wie über Nacht ergaben die alten Erklärungen keinen Sinn mehr. Die Wissenschaften zerfielen zu Staub. Die Vögel hörten auf zu singen, die Felder lieferten keine Erträge mehr. Und die Menschen begannen ein solches Unbehagen zu verspüren, dass sie alles nur Mögliche taten,  um einander aus dem Weg zu gehen. Viele verließen nur bei Nacht und verkleidet das Haus. Der Zweifel, der die Stadt befallen hatte, war so gewaltig, dass die Grundfesten des Alltags erschüttert wurden: In welche Restaurants konnte man noch gehen? Wie tratschte man, ohne dabei erwischt zu werden? Wie kann man Mensch und Tier noch unterscheiden? Wie betrachtet man sein eigenes Spiegelbild im Wasser, ohne hineinzufallen? Und wie bitte, um Himmels­willen, vermeidet man unangenehme Unterhaltungen über Untote? 

Angesichts all dieser drängenden Probleme gingen die Geschäfte der alten Handleserin ausgezeichnet. Lange hatte man sie verlacht für ihre seltsamen, ausufernden  Grübeleien, ja lange war sie gar vom öffentlichen Leben vollends ausgeschlossen gewesen. Jetzt aber wurde die Hellseherin – zu ihrer eigenen Über­raschung – noch bei den kleinsten und vertraulichsten Fragen zu Rate gezogen. Sicher, immer wieder  hatten ihr betrunkene Schreiberlinge und junge Kunsthandwerker im Geheimen einen Besuch abgestattet. Aber jetzt wartete jeder in der Stadt darauf, dass aus seiner Hand gelesen würde. Zu jeder erdenklichen Stunde konnte man in ihrer engen Behausung die verschiedensten Gestalten antreffen: von den Veranstaltern des Bauernmarkts über die Viehexporteure bis zu den ruppigen Tierfutterhändlern – alle waren sie da. Selbst die jungen, zu einiger Berühmtheit gelangten Erfinder eines neuen  Systems zum Zwecke der Übermittlung von Nachrichten über größere Entfernung mittels Leuchtpistolen nahmen sich die Zeit für lange Sitzungen. Und da die Handleserin so nun zu einem erklecklichen Sümmchen gekommen war, leistete sie sich  die Anmietung einer größeren, dem Leumund einer Astrologin angemesseneren Mansarde, um noch mehr Kundschaft empfangen zu können. 

Unsere Handleserin war nicht nur eine herausragende Hellseherin, sondern auch besonders tüchtig im Verhandeln und allen Geschäfts­sachen. Sie wusste, dass ihr Erfolg von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Wahrheit und Unwahrheit abhing. Und so ließ sie  Zuverlässigkeit wie auch Zufall zu ihrem Recht kommen – eine alchemistische  Formel. So hörte sie zum einen recht aufmerksam zu und wiederholte  zum anderen das, was ihre Klienten ihr gerade erst gesagt hatten. Dank dieser Demonstration größter Aufmerksamkeit. ergänzt um ein wenig beruhigendes Tätscheln, sorgte  sie dafür, dass beinahe jeder ihre Mansarde in besserer Laune verließ als zuvor. Kurz, ihre Fähigkeit, die Zukunft vorauszusagen, beruhte  auf nichts anderem als der Beobachtung noch der kleinsten und vermeintlich nebensächlichsten Details. Dazu gehörte auch die genaue  Lektüre des Erscheinungsbilds ihrer Besucher – ihre Kleidungsstücke, ihre Handbewegungen, eine typische Begrüßungsformel; ob sie ein Haustier mitbrachten oder sich über ihre Verdauungsbeschwerden beklagten und derlei weiteres. 

Über die Jahre war unsere  Hellseherin immer wieder versucht, diese Wissenschaft des Aberglaubens so weit zu perfektionieren, dass sie zu einer Methode oder gar Schule würde. Aber eine Methode, ja das war ein Ding der Unmöglichkeit. Da ein Großteil ihrer Besucher Stammkunden waren, musste sie ein jedes Mal einen neu erscheinenden Garn spinnen – zugleich aber die  tatsächlichen persönlichen Verstrickungen und unausgesprochenen Eventualitäten im Auge behalten.  In jenem Moment, da man sie dabei erwischt hätte, sich zu wiederholen, in dem auch nur auf die leiseste Weise das Gefühl aufgekommen wäre, sie sei zuletzt selbst vorhersehbar, so wäre sie Gefahr gelaufen, als Lügnerin enttarnt zu werden. Also blieb sie bei dem einen alten Vorsatz: Schau den Leuten in die Augen, streue ihnen ein wenig glitzernden Sandes hinein und erzähle ihnen recht schön, was sie gerne hören wollen. 

Inmitten der weiter schwelenden Sinnkrise begann in der Stadt zudem eine ideologische Debatte über zwei sich widersprechende Interpretationen materialistischer Philosophie. Schnell sah es so aus, als befände sich die ganze Stadt am Rande eines Bürgerkriegs. Seit Jahren plante die Alte schon, sich zur Ruhe zu setzen. Nun aber stellte sie aufgrund der erneut unerwartet gestiegenen Nach­frage einen zusätzlichen Handleser ein. 

Illustration by Georgia Grey, Berlin.

Illustration by Georgia Grey
Berlin

Ihre Glaubwürdigkeit – die ja so abhängig war von jeder einzelnen und persönlichen Beziehung – an eine zweite, möglicherweise wiedersprechende Instanz der Interpreta­tion zu verleihen, war, soviel schien klar, für eine Handleserin ein gefährliches Unterfangen. Aber sie wusste zugleich, dass ihr gesamtes Geschäft darauf beruhte, dass ihre Lektüren an sich nichts Besonderes oder Bedeutungsvolles hatten. Also entschied sie sich, den Sohn des Stadtmetzgers anzuheuern, als er eines Sommers von seiner Apotheker- Ausbildung zurück in der Stadt  weilte. Sie suchte jemandem, der den praktischen Künsten zugetan, zu dumm aber war, die Stadt endgültig zu verlassen. Sie brachte dem Metzgerssohn also alles bei, was er wissen musste. Und das war in der Tat so gut wie nichts. 

Das Geschäft lief gut und die beiden wurden reich, glücklich und fett. Einige Jahre später starb die Alte. Kurz darauf brach das Geschäft – nun vom jungen Apotheker allein geführt – ein. Auch wenn er freundlich und zuvorkommend war und von allen gerne gemocht, stand er doch im Rufe, nach altmodischen Methoden zu praktizieren. Dem  jungen Wahrsager war dieser Vorwurf ein Rätsel, hatte er sich doch damit arrangiert, dass sein gesamtes Tun absolut bedeutungslos war – und dass genau darin sein Wert läge; im Gesetze der Gesetzlosigkeit, in der trefflich vernünftelten Leere. 

Aber Moden ändern sich und so kam der junge Handleser nicht darum herum, sich umzusehen und Nachforschungen zu betreiben.  Er begab sich also hinaus aus der Stadt und besuchte eine junge, aufstrebende Astrologin, die jüngst  im Wald große Teile Land erworben hatte, um dort jeden möglichen Stern untersuchen zu können. Er war so eifrig in seinem Tun, dass es im gelang, sie dazu zu bringen, ihre Methode preiszugeben. 

„Der erste Schritt“, begann sie, „besteht darin, sich einzugestehen, dass es keinen zweiten Schritt gibt. Wenn es dazu kommt, die Sterne zu beobachten, sind wir alle Anfänger. Die Schwierigkeit einer jeden Lektüre findet sich nicht darin, dass sich eine bestimmte Sternenkonstellation dem Verstehen entzöge. Wissen Sie, es kommt nicht so oft vor, dass ich überhaupt Sterne sehe! Die Schwierigkeit ist die Lektüre und die Lektüre ist die Schwierigkeit. Einen zweiten Schritt gibt es nicht!“

Als nächstes stattete er einem alten Philosophen an der Universität einen Besuch ab. Dieser hatte sich bereit erklärt, ihm zu zeigen, wie er zu seinen Schlussfolgerungen kam. Diesmal ging es um ein totes Tier. Der Philosoph würde versuchen, in einer Serie von Ableitungen die wechselnden Zustände vom Leben bis zum Tod auf Grundlage reiner Indizien zu beschreiben. Er besah sich den zersetzenden Tierkörper – er wirkte halb wie der eines Rebhuhns, halb wie ein schimmeliger Laib Brot – und begann, auf Pergament eine Serie von Nummern, Runen und Maßen zu schreiben. Dann schloss er darauf, dass der Tierkörper tot war – und verließ den Raum. 

Als er ein paar Stunden später zurückkam, händigte er dem jungen Apotheker ein Formular aus. Es begann wie folgt: 

„... das Wissen um den Echtzeitreferenten kann nicht selbst die Interpretation liefern. Die Veränderungen im Zustand des Gestorbenen kann einem Zusammenspiel von physischen und geistigen Stimulan­tien zugeschrieben werden, welche die gegebenen körperlichen und geistigen Kapazitäten des Prüfkörpers übersteigen. Es steht jedoch noch aus, die genaue Bedeutung jenes ‚Überschusses‘ zu definieren ...“

Der junge Apotheker begann  zu verzweifeln. Doch dann erinnerte er sich, vage zumindest, an die alte Redensart, dass Verzweiflung am Ende doch zu etwas führe. War es möglich, dass er vom Untersuchenden zum Untersuchten geworden war? Unsinn, dachte er sich. 

Es traf sich gut, dass ihn zu jener Zeit ein Freund besuchen kam, der in einer etwas größeren Stadt  in Hessen lebte. Dieser Freund erzählte dem jungen Apotheker  vom neuesten Ding in dieser anderen, etwas größeren Stadt. Dort hatte man begonnen, eine gewichtigere Sprache zu verwenden und  größere Behauptungen aufzustellen – Theorien und eine Sprache, die mit der Zeit gingen. Das Größte war es, über die Zukunft zu spekulieren – und zwar nicht im alten Sinn der Lektüre, sondern auf Basis einer Theorie, die ungeachtet der Objekte, um die es dabei ging, aufgestellt wurde. Die alte Sprache wurde  ausgemistet und die Welt brauchte eine neue. Und es war an ihnen, diese neuen Wörter zu erfinden. In der Welt der Weissagung wäre dies das „Disruptive“. 

Auf seinem Weg nach Hause machte sich der junge Apotheker, leicht angetrunken, eine Notiz: Beschreibung ist das einzig mögliche Verstehen. Beschreiben aber heißt, sich mit dem Irrsinn der Erscheinungen dieser Welt auseinanderzusetzen. Er verlor die Notiz, vergaß sie komplett, änderte seinen Lebensweg – und wurde führend in Thüringen, wenn es darum ging, das Wetter vorherzusagen. 

H. P. Schneemann ist Kunstkritiker und Cembalist. Er lebt in Thüringen.

Issue 23

First published in Issue 23

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